Piero della Francescas Montefeltro-Diptychon und Petrarca


Vortrag von Christiane J. Hessler

21. März 2015, 18:00 Uhr

Gobelin-Saal des Bode-Museums

Dieses Gemälde brach im Quattrocento mit so vielen Darstellungskonventionen, dass es Forscher scherzhaft als „Anomalie“ bezeichnet haben: Piero della Francescas berühmtes Bildnis-Diptychon des Grafen von Urbino, Federico da Montefeltro – trotz seiner Einäugigkeit damals der erfolgreichste Söldnerführer Italiens – , ihm gegenüber dessen junge Frau Battista Sforza. Mit diesem heute in den Uffizien ausgestellten, einst für den Palazzo Ducale in Urbino bestimmten Gemälde schuf Piero eines der ersten Porträt- und Ehepaar-Diptychen Italiens, ohne servil den Vorbildern des Nordens nachzueifern. Das fürstliche Paar, im strengen Profil oberhalb einer ausgedehnten Hügellandschaft erfasst, zeigt sich innig, mit Blicken Auge in Auge, einander zugewandt. Nicht wenige Argumente stützen nunmehr die These, dass Piero della Francesca die beiden Protagonisten bildhaft zu einem Zeitpunkt so suggestiv vereint hat, als deren faktisches Beisammensein nicht mehr möglich war. Im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren war Battista Sforza 1472 verstorben.

 

Pieros gestalterischer Einbezug selbst der „Rückseiten“ des Montefeltro-Diptychons – auch diese hat er bemalt – gewährte ihm die Möglichkeit, die offenkundig erwünschte Gewichtung auf eine Liebespaar-Begegnung besonderen Gepräges noch augenfälliger werden zu lassen – in Form von Triumphszenen im Geiste Petrarcas, des erfolgreichsten Liebesdichters aller Zeiten. Hatte dieser in seinem allegorischen Dichtwerk „Trionfi“ sich und seine angebetete Laura in sechs verschiedenen Triumphen durch Glück und Fährnisse des Daseins geschickt, so präsentiert Piero della Francesca nun die beiden vermählten Montefeltro oberhalb antikischer Inschriftensockel auf je einem Triumphwagen, zaghaft unterwegs zum Angetrauten.

 

Inwiefern nun zeigen diese Szenen tatsächlich Anleihen an Petrarca, genauer: an sein Buch, dessen traurige Mitte doch das Ableben seiner Geliebten bildet? Diese im Zentrum des Vortrags stehende Frage richtet sich nicht minder auf Pieros Porträts. Die überraschende Fortsetzung des panoramatischen Landschaftsprospektes, der diese Bildnisse auf den Triumphseiten hinterfängt, erweist sich als Teil einer Indizienkette, die für eine kühn um das Diptychon herumgeleitete Erzählung spricht. Was erzählt Piero?

 

Christiane J. Hessler, 2011 promoviert an der Freien Universität Berlin, zeichnet sich durch grundlegende Forschung zur italienischen Renaissancekunst aus.