Philipp Zitzlsperger, Berlin: Der Künstler als (Kunst)Richter in den nordalpinen Selbstbildnissen der Dürerzeit

Anton Pilgram, Selbstbildnis am Orgelfuß im Stephansdom, 1513
Anton Pilgram, Selbstbildnis am Orgelfuß im Stephansdom, 1513

Anton Pilgrams Bildnisbüste im Wiener Stephansdom zählt zu den ungewöhnlichsten Selbst-porträts des beginnenden 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen. Allein Dürers ungleich bekannteres (gemaltes) Selbstporträt in München erscheint in seiner Bedeutung ähnlich unergründlich. Diese beiden Beispiele des autonomen Selbstbildnisses sind Unikate einer ohnehin zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch sehr jungen Gattung. Sie sind von der Forschung vielfach als Ausdruck des gesteigerten Selbstbewusstseins des Renaissancekünstlers gedeutet, in einem rechts-theoretischen Zusammenhang jedoch bislang nicht gesehen worden (Ausnahme: Kantorowicz, The Sovereignty of the Artist, 1961/Bredekamp, Künstler als Verbrecher, 2008). Es sprechen aber einige Gründe dafür – wie zu zeigen ist –, dass gerade diese beiden Ausnahme-Selbstbildnisse einen Künstlertyp thematisieren, dessen vielbeschworene Gottähnlichkeit (alter deus) nicht nur den schöpferischen Akt künstlerischer Welterschaffung meint, sondern darüber hinaus geht und im Kunstwerk die Kreation einer Weltordnung von geometrischen und rechtlichen Prinzipien sieht.

Prof. Dr. Philipp Zitzlsperger hat die Professur für Bildwissenschaft am Fachbereich Design der Hochschule Fresenius in Berlin inne, er ist ferner Privatdozent am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte sind Porträt- und Grabmalkunst, Kunst der Renaissance und des Barock, Repräsentation und Herrscherikono-graphie, Textilkunst und Kleidung im Bild.